Neulich musste ich an Humpty Dumpty aus Alice im Wunderland denken – dieses Ei, das selbstgerecht auf der Mauer sitzt, alles besser weiß und vorschnell urteilt, ohne genau hinzusehen. Auch in der Weinwelt können Meinungen schnell aus der Distanz gefällt werden: populistisch, bequem, pauschal und aus dem Reflex heraus, Komplexes als „Schischi“ abzutun.

Ein Paradebeispiel: Clos du Temple, Gérard Bertrands Rosé, der seit seiner Premiere mit dem Jahrgang 2018 für Aufsehen sorgt – auch wegen seiner extrovertierten Kommunikation. Die markante, pyramidal zulaufende Flasche, das spektakulär gestaltete Weingut in der AOP Cabrières Languedoc und natürlich der Preis von rund 200 Euro. Ein Rosé aus dem Languedoc zu diesem Tarif? Der Impuls, „Marketinggag“ zu denken, liegt da nahe.


Doch so simpel ist es nicht. Wer Bertrand kennt, weiß, dass hinter der Inszenierung Substanz steckt. Er besitzt siebzehn Weingüter in Südfrankreich – einer Region, die eher für Menge und günstige, kaum profitable Weine steht als für Prestige. Trotzdem hat er konsequent auf biodynamischen Anbau umgestellt, ein beeindruckendes Portfolio mediterraner Weine aufgebaut und wie kaum ein anderer in Gastronomie, Hotellerie und Tourismus investiert, um seine Region und ihren Lifestyle erlebbar zu machen. Rund 500 Mitarbeitende beschäftigt er.
Dazu gehört Chuzpe und eine ganz besondere visionäre Energie, die im Rosé Clos du Temple ihre Meisterschaft findet. Davon konnte ich mich bei einem Besuch Anfang Dezember überzeugen, bei dem ich sechs Jahrgänge davon verkosten konnte.

Ein ganz besonderes Terroir
Das Weingut befindet sich in der Gemarkung Cabrières AOP am Pic de Vissou. Hier treffen und überlappen sich zwei geologische Welten: Schiefer und Kalkstein. Das verleiht dem Wein eine ganz eigene Spannung. Muschelkalk schärft die Frucht, lässt sie kristallklar und perfekt gereift wirken. Schiefer liefert Würze, Energie und einen dunklen Basston, der alles erdet. Die über 50 Jahre alten Reben wurzeln entsprechend tief und können damit den Charakter des Terroirs genial transportieren. Dazu kommt der von Natur aus regulierte Ertrag, den diese Oldies hervorbringen und der für eine natürliche Konzentration im Wein sorgt – etwas, das man mit keiner noch so ausgeklügelten Ertragsreduktionsstrategie erreichen könnte.

Das hügelige Relief schafft zudem ein komplexes Netz natürlicher Grundwasserströme, das die Weinberge außergewöhnlich gut versorgt und eine Quelle mit besonders reinem Wasser speist. Die Höhenlage von 240 Metern sorgt für Balance und aromatische Frische – auch hier tief im Süden Frankreichs.
Zwölf Hektar Reben umfasst der Weinberg Clos du Temple, der arrondiert zum Weingut liegt und von Wäldern und der sogenannten Garrigue umgeben ist: Thymian, Rosmarin, Wacholder, Lavendel. Diese Vegetation prägt die Landschaft und hinterlässt oft eine würzige, ätherische Note im Wein. Der Weinberg gliedert sich in elf kleine, von Natur aus geschützte Parzellen. So finden Mourvèdre-, Cinsault-, Grenache- und Syrah-Reben ihr perfektes Plätzchen.
Die Weinbereitung
Gelesen wird bei Sonnenaufgang, um kühle Trauben in den Keller zu bringen. Die Parzellen werden separiert nach Rebsorte und Plot vergoren. Im Keller wartet perfekte Ausstattung: Zementtanks, anschließend Ausbau in 500-Liter-Tonneaux aus bester französischer Eiche. Der Holzeinsatz ist hochwertig und sensibel – er gibt Struktur und Rahmen, niemals Schwere. Nur der Free-Run-Juice wird verwendet, damit der Wein hell bleibt und keine anstrengende Phenolik mitnimmt. Man arbeitet mit der Hefe, um dem Wein einen feinen Schmelz mitzugeben, und natürlich ist das Cuvetieren der verschiedenen Rebsorten und Parzellen eine Kunst
Rebsortencharakter im Rosé ein anderer
Interessant war es, die verschiedenen Weine rebsortenrein zu probieren. Das ist ganz erstaunlich. Denn als Rosé zeigen rote Sorten oft ein völlig neues, faszinierendes Gesicht – und vor allem eine Textur, die sich deutlich vom Weißwein unterscheidet. Während Weißweine in der Mitte des Gaumens stets diesen feinen Fruchtschmelz besitzen, ist Rosé würziger, strukturierter, mit mehr Grip und einem trockeneren Finish. Er liegt eher auf den Zungenrändern auf und wirkt noch lange im Rachenraum nach – mit Würze, Spannung und zupackender Art. Auch die Frucht ist eine andere: Rote Nuancen treten dezenter hervor, dafür zeigen sich Aromen, die man eher im Weißwein erwarten würde, etwa delikate Zitrusnoten und eine überraschend ausgeprägte florale Aromatik.

Die Rebsorten offenbaren in ihrer Rosé-Interpretation sehr unterschiedliche Charaktere. Syrah zeigt Kräuterwürze, Mandarine und rote Beeren sowie einen pfeffrig-körnigen Grip, der Wärme erzeugt, ohne alkoholisch zu wirken. Cinsault duftet eher neutral, wirkt am Gaumen jedoch salzig, straff und vibrierend. Grenache präsentiert sich großzügig, mollig in der Struktur, mit reifen Kirschnoten – und dennoch mit beeindruckender Frische. Mourvèdre schließlich wirkt breitschultrig und würzig, mit Anklängen von Medjool-Datteln, Speck und enorm viel weißem Blütenduft.
Hier versucht man, all diesen Roséfacetten gerecht zu werden und das Wesen der Rebsorten präzise herauszuarbeiten. Damit unterscheidet man sich von der Masse vieler Rosés, die nur noch lieblos nach dem Reinzuchthefestamm riechen und schmecken, mit dem sie vergoren wurden – eine Praxis, die Vielfalt, Herkunft und Ausdruck nivelliert und die Weine gleichförmig macht.
Das große Tasting – alle Jahrgänge seit 2018
Im Dezember konnte ich das Weingut besuchen und sämtliche Jahrgänge seit 2018 verkosten. Die entscheidende Frage: Können diese Weine reifen? Die Antwort: ein klares Ja. Clos du Temple ist ein Rosé, der mit Flaschenreife enorm gewinnt – an Spannung, Tiefe und Komplexität. Erstaunlich gut hält er auch die Farbe, was bei Rosé gar nicht so einfach ist. Sie werden schnell orange und grau mit der Reife. Selbst der 2018er überzeugt mit hellgoldener Farbe und dezentem Kupfertouch.
2018 Clos du Temple – 99 Punkte
Kräuterduft, delikat, perfekt integriert. Nougat, rote und dunkle Beeren, Echinacea, Hagebutte, Cranberries, Garrigue, Walderdbeeren. Fein verwoben wie ein dichter Teppich. Popcorn, Salz, Hefe, Mokka, Vanille, Veilchen, Mandarine. Am Gaumen vollmundig, mit pfeffrig-körnigem Grip und endlosem mineralisch-salzigem Nachhall. Perfekte Balance von Reife, Frische und Holz. Großartig gereift.
2019 Clos du Temple – 94 Punkte
Uneinigkeit am Tisch. Möglicherweise noch verschlossen – der 2018er war es ebenfalls und glänzt heute. Viel Kraft: dunkle Frucht, Aprikose, Salzbutter, kandierte Zitrusfrüchte. Weniger Kräuterwürze als die anderen Jahrgänge. Am Gaumen Schmelz und gute Länge, aber mit dezent bitterem Touch und nicht ganz so viel Tiefgang.
2020 Clos du Temple – 97 Punkte
Großer Jahrgang, aber noch jung. Anfangs dominiert das Holz etwas, dahinter warten Frucht und Mineralität: Mandarine, Nougat, Marzipan, Cranberries, dunkle Beeren, Hagebutte, Popcorn. Mediterrane Kräuter, Speck, Meersalz. Seidig, frisch, sehr lang, ohne Bitterkeit. Hervorragend – braucht Zeit.
2021 Clos du Temple – 97 Punkte
Mit Nussbutter, Salzkaramell und Butter im Auftakt fast wie großer weißer Burgunder. Dann Himbeere, Johannisbeere, Garrigue. Reife, aber nie überreife Frucht, dazu herbal-würzige Tiefe. Rauchig, salzig-mineralisch, mit verführerischem Fruchtschmelz. Sinnlich, vielschichtig, sehr stimmig.
2022 Clos du Temple – 97 Punkte
Reifer im Auftakt: Medjool-Datteln, Nussbutter, Salzkaramell, Nougat, Pistazie, Marzipan. Dahinter Beeren, Mandarine, getrocknete Ananas, Garrigue, Lakritze, Bockshornklee, Aprikose, Reneklode. Am Gaumen stoffiger im Vergleich zu den anderen Jahrgängen, aber dennoch salzig, schmelzig, leicht wärmend im Finish.
2023 Clos du Temple – 98 Punkte
Hellgelb mit Kupferstich. Perfekt reife, aber nie überreife Frucht: Waldbeeren, Pflaume, Süßkirsche, Orangenzeste, Veilchen. Dazu dieses süchtig machende Holz: Nougat, Marzipan, Nussbutter. Kräuterwürze, Garrigue, ätherische und florale Noten. Am Gaumen würzig, fein, mit brillanter Säure und langem salzig-mineralischem Nachhall. Ein großer Wein mit enormem Reifepotenzial.



Rosé radikal anders
Clos du Temple zeigt eindrucksvoll, was Rosé sein kann, wenn man ihn ernst nimmt: ein vielschichtiger, terroirgeprägter großer Wein, der weit über sommerliche Unbeschwertheit hinausreicht. Er fordert Aufmerksamkeit, belohnt mit Tiefe und entwickelt sich mit den Jahren weiter, als wolle er beweisen, dass Kategorien wie „Rosé“ viel zu eng gedacht sind. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieser Verkostung: Dass wahre Größe nicht in der Farbe liegt, sondern in der Vision, der Handwerkskunst und dem Mut, etwas radikal anders zu machen.